4. Erste wissenschaftliche Ansätze zum Militainment
Nachdem nun aufgezeigt ist, was Militainment ist, in welchen Formen und aus welchen Gründen es produziert wird, gilt es den Fokus auf die wissenschaftliche Betrachtung dieser Thematik zu legen. Es handelt sich hierbei jedoch noch um einen sehr jungen Forschungszweig, in dem nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen bisher betrieben wurden, denn „zwar hat sich die Forschung dem Verhältnis von Militär und Medien vermehrt zugewandt (Leslie 1997; Bussemer 2003; Luow 2003; Nord/Strömbäck 2003), andere Bereiche der Wissens- und Unterhaltungsindustrie bzw. des Kultursektors fanden bisher jedoch vergleichsweise wenig Berücksichtigung und das Militär/ische als Teil des Alltags blieb bisher ein stark vernachlässigter Forschungsgegenstand“ (Virchow; Thomas 2006: 35f.). Militainment ist somit ein noch wenig wissenschaftlich betrachtetes Thema.
Einer der wenigen wissenschaftlichen Ansätze auf diesem Gebiet, ist der des „Banal Militarism“ von Fabian Virchow und Tanja Thomas (vgl. Virchow; Thomas 2006), denn mit ihrem „Plädoyer für eine grundlegende sozial- kultur- und medienwissenschaftliche Erweiterung der Forschungsperspektiven zugunsten jener vielfältigen Prozeduren der Gewöhnung an und/oder Einübung in Denkmuster, Einstellungen und Verhaltensweisen […] gehen [sie] über die traditionelle Militärsoziologie und Militarismus-Forschung […] hinaus und wenden [sich] den zahlreichen Prozessen zu, mittels derer das Militär bzw. Militärisches im weitesten Sinne in den Alltag eingelassen ist und zu seinem (weitgehend) selbstverständlichen Bestandteil gemacht wird/werden soll“ (Virchow; Thomas 2006: 34). Im Rahmen dieses theoretischen Ansatzes beziehen sich Virchow und Thomas somit auch auf die Thematik des Militainments, denn „insbesondere angesichts der in den meisten Gesellschaften der nördlichen Hemisphäre beträchtlich fortgeschrittenen Mediatisierung und des Bedeutungszuwachses der Kultur- und Zerstreuungsindustrie ist den zahlreichen kulturellen Diskursen, Produkten und Artefakten besondere Aufmerksamkeit zu schenken, mittels derer sich die Integration militärischer bzw. militärisch konnotierter Praxen in alltägliche Abläufe und Ereignisse vollzieht“ (Virchow; Thomas 2006: 34f.). Militainment wird somit als Prozess untersucht, mit dessen Hilfe das Militär in den Alltag der Menschen integriert wird. Militainmentangebote werden als alltägliche Konfrontation mit Militärischem verstanden. Weiterhin wird ihnen die Fähigkeit zur Veränderung der Einstellung der Menschen gegenüber dem Militär zugeschrieben. Im Rahmen dieser Forschung stellt sich ebenfalls die Frage nach den Mess-Indikatoren für die Verschiebung des Gewichtes zugunsten des Militärs. Dabei gelten bereits „Indikatoren wie die Höhe der jährlichen Rüstungsausgaben eines Landes, die Größe der bewaffneten Formationen (in Relation zur Gesamtbevölkerung) oder die Relevanz des Militärs als Instrument der Außenpolitik als wichtige Gradmesser“ (Virchow; Thomas 2006: 41). Laut Virchow und Thomas sind „diese Kriterien [.] ohne Zweifel bedeutsam. Allerdings plädieren [sie] aus der Perspektive der Banal Militarism-Forschung für eine grundsätzliche Erweiterung der Untersuchungsperspektive um Analysen der Repräsentation und des sozialen Diffundierens des Militär/ischen in kulturellen Artefakten, gesellschaftlichen Diskursen und Praktiken als integralem und notwendigen Bestandteil des Forschungsverständnisses“ (Virchow; Thomas 2006: 41). Die Forschung des „Banal Militarism“ untersucht unter anderem gezielt die Verbindung von Militär und Unterhaltungsindustrie und kann somit als einer der wenigen theoretischen Ansätze auf dem Gebiet des Militainments angesehen werden.
Auch Hennig bezieht sich auf den Ansatz des „Banal Militarism“ und wendet diesen Speziell auf die Kinofilme aus Hollywood an, denn „ein Blick auf weitere aktuelle Kriegsdarstellungen bestätigt die Verbreitung des ‚Banalen Militarismus‘ im Rahmen der neuen Repräsentationsstrategien. Die neuen Kriegsfilme aus Hollywood zeigen unerschrockene Soldaten, die mit allen Mitteln für ihre Ideale einstehen und notfalls das eigene Leben für die Freiheit geben, bevor das Filmende uns die Werte veranschaulicht, für die sich zu sterben gelohnt hat“ (Hennig 2006: 262).
Ebenfalls soll hier die wissenschaftliche Untersuchung von Anderson erwähnt werden. Kernbestand dieser Untersuchung ist, dass „bei [der] Erkundung dieser neuen Landschaft aus Krieg und Unterhaltung, für die sich inzwischen die Bezeichnung ‚Militainment‘ eingebürgert hat, [.] versucht werden [soll], Parameter, Ziele und Funktionen zu bestimmen“ (Aderson 2006: 226). Seine „These lautet, dass sich die Berichterstattung über den zweiten Irak-Krieg am besten als Militainment verstehen lässt. Als das US-amerikanische Fernsehen sich auf die Berichterstattung über die Invasion im Irak vorbereitete, sicherten sich die Produzenten Satellitenverbindungen, Bildtelefone und Zugang zu den Schlachtfeldern, denn man plante, zum ersten Mal in der Geschichte – eine Live-Übertragung der Kämpfe in Echtzeit-Bildern“ (Anderson 2006: 226). Anderson erzeugt somit einen Ansatz, der sich speziell mit Militainment in der Fernsehindustrie am Beispiel des Irak-Krieges beschäftigt.
Insgesamt handelt es sich bei den hier aufgeführten wissenschaftlichen Ansätzen nur um eine spezielle Auswahl. Es existieren noch weitere Ansätze und eine kleine Zahl von Studien. Alles in allem ist der Forschungszweig des Militainments noch jung und nicht umfassend erarbeitet, wodurch man die hier erwähnten Theorien als erste wissenschaftliche Ansätze bezeichnen kann.
Inhaltsverzeichnis Hausarbeit Militär und Entertainment = Militainment?
1. Einleitung Militär und Entertainment
3. Verhältnis von Militär und Unterhaltungsindustrie
3.1 Formen von Kooperationen zwischen Militär und Unterhaltungsindustrie
3.1.1 Militainment in der Spielfilmindustrie
3.1.2 Militainment in der Softwareindustrie
3.1.3 Weitere Militainmentangebote
3.2 Gründe für die Kooperationen zwischen Militär und Unterhaltungsindustrie